Eine Reise in die Vergangenheit, die berührt: Naomi Lewin besuchte Nierstein, um die Spuren ihrer Vorfahren, der jüdischen Weinhändlerfamilie Blum, zu suchen. Aufgewachsen an der amerikanischen Ostküste in einer deutsch-jüdischen Familie, spricht sie heute hervorragend Deutsch – nicht zuletzt dank ihres Gesangsstudiums in Mainz in den 1970er-Jahren, das auf ein Studium in Yale folgte. Begleitet wurde sie auf ihrem historischen Spaziergang von Jörg Adrian, der im Geschichtsverein Nierstein für die Gedenk- und Erinnerungsarbeit zuständig ist und im Vorfeld für offene Türen gesorgt hatte.
Spurensuche in der Rheinstraße und am Marktplatz
Die tiefen Wurzeln der Familie in der Region lassen sich bis zu Benedict Mendel (um 1765-1859) zurückverfolgen. Naomi Lewins Urgroßmutter Juliane Blum (1859-1942) stammte direkt aus Nierstein; sie war das fünfte Kind des jüdischen Weinhändlers Abraham Blum (1821-1891).
Erste Station des Rundgangs war das einstige Wohnhaus von Gustav und Charlotte Blum in der Rheinstraße 23. Rolf und Beatrix Böttcher erläuterten hier ausführlich die baulichen Veränderungen der vergangenen Jahrzehnte. Gemeinsam konnte ein historisches Familienbild aus den 1930er-Jahren exakt diesem Ort vor dem Haus zugeordnet werden. Das dazugehörige Kelterhaus und der tiefe Weinkeller sind heute abgetrennt und nicht mehr zugänglich.
Am Marktplatz, in dem Haus, in dem 1859 Urgroßmutter Juliane als Tochter von Abraham und Karolina Blum zur Welt kam, öffneten die heutigen Bewohner Claudia Baierl und Werner Bücheler bereitwillig Tor und Tür. Das Paar, das hier zeitweise ein kleines Café betrieb, zeigte den Gästen den nahezu unveränderten Hof. Naomi Lewin zeigte sich auf der kleinen Terrasse tief bewegt. Ihre Urgroßmutter beschreibt sie als tatkräftige und mutige Frau: Sie verlor zwei Söhne im Ersten Weltkrieg und rettete ihrem Sohn Willi zweimal das Leben – einmal bei der Geburt und ein weiteres Mal im November 1938, als sie persönlich bei der Mainzer Gestapo seine Freilassung erwirkte. Wills Name stand bereits auf der Liste für das KZ Buchenwald; durch Julianes Einsatz gelang ihm mit Frau und Tochter die Flucht ins Ausland. „Wir müssen in allem mehr auf die Frauen achten, sie spielen eine viel wichtigere Rolle, als wir oft denken“, resümierte Lewin.
Von der Weinhandlung zum Geismarer Hof
Nach einer stärkenden Mittagsrast mit Picknick unter der alten Eiche im Kirchgarten der evangelischen Martinskirche führte der Weg zur Oberdorfstraße 29, dem einstigen Sitz der Weinhandlung S. Gaertner & Blum. Edith Braun-Himmerich steuerte hier wertvolles Wissen zu den einstigen, weitläufigen Kelleranlagen und Büros bei. Eduard Blum, Julianes Bruder, hatte den Handel einst mit Simon Gaertner gegründet. Die Geschichte des Betriebes endete tragisch: Eduard Blum wurde 1935 wegen angeblicher Weinfälschung inhaftiert. Während seine Söhne Ernst und Otto ins Ausland fliehen konnten, nahm sich Eduard in der Mainzer Haft das Leben, und die angesehene Firma wurde arisiert.
Auf dem Geismarer Hof konnte anschließend ein familiäres Bilderrätsel gelöst werden. Eine von Lewins Familie gehütete Radierung zeigte den Wohnsitz von Abraham Blums Vater, Nathan Blum (1796-1878). Ruth Beutel, die 1953 auf dem Hof geboren wurde, erkannte das inzwischen abgerissene und überbaute Haus sofort wieder. Ihre lebhaften Kindheitserinnerungen an das Miteinander der Nachbarn weckten in Lewin Parallelen zu Besuchen bei ihren eigenen Großeltern im New Yorker Stadtteil Queens, wo ein ähnlich offenes und familiäres Miteinander herrschte.
Abschluss im Rathaus
Der intensive Nierstein-Besuch fand in der Mittagshitze seinen Abschluss im Rathaus. Im Gespräch mit Bürgermeister Jochen Schmitt und dem städtischen Kulturbeauftragten Michael Sander wurden wichtige Themen wie Familiengeschichte, Demokratie, Meinungsfreiheit sowie der unschätzbare Wert von Solidarität und bürgerschaftlichem Engagement diskutiert – insbesondere im Hinblick auf aktuelle Bedrohungen durch autoritäre Bestrebungen.
Mit zahlreichen Eindrücken, Momentaufnahmen und persönlichen Geschichten im Gepäck trat Naomi Lewin schließlich die Weiterreise nach Mainz an, bevor es für sie zurück in die USA geht. Sie zeigte sich überaus dankbar für diesen Tag und versicherte, einmal wieder an all diese bedeutsamen Orte zurückkehren zu wollen.